Kürzere Reparaturzeiten, das Aufspüren seltener Ersatzteile und eine Brücke zur Jugend schlagen … das deutsche Repair Café Ochtrup macht sich stark für den Einsatz von KI bei Reparaturen. Gründer Wolfgang Götze durchquert mit seinem Wohnmobil ganz Deutschland, um in Repair Cafés KI-Workshops zu geben. „Die Skepsis verfliegt schnell, wenn die Reparateure die Vorteile selbst erleben.“
Wolfgang Götze (78) gründete das Repair Café Ochtrup im Münsterland im Jahr 2019. Von Anfang an hat er digitale Tools und KI in den Reparaturprozess eingebunden. Von Hause aus Informatiker absolvierte er mit 75 Jahren sein Studium mit einer Abschlussarbeit über KI-Anwendungen. Im vergangenen Jahr übergab er die Leitung an Joachim Anicker, einen evangelischen Pfarrer mit einer Vorliebe fürs Reparieren und Programmieren. Beide wollen mithilfe von Künstlicher Intelligenz „die Repair-Café-Idee in ein neues Zeitalter führen“.
Doch wie genau wendet man KI bei Reparaturen an? Gelingt es, Repair-Café-Reparateure für diese neue Entwicklung zu begeistern? Und wie steht es um Einwände wie einen hohen Energieverbrauch? Zeit für ein Interview!
Wie entstand die Idee, KI in Repair Cafés einzusetzen?
Wolfgang: „Ich habe mich schon einige Jahre intensiv mit KI beschäftigt. Als Gemini und ChatGPT auf den Markt kamen, war mir sofort klar: Das ist der Gamechanger für die Reparatur-Welt! In unserer eigenen Gruppe in Ochtrup musste ich anfangs zwar viel Überzeugungsarbeit leisten, um wenigstens einige Mitstreiter für das Experiment, KI einzusetzen, zu gewinnen. Aber der Erfolg gibt diesem Ansatz recht.“

Wie kann man in einem Repair Café KI einsetzen?
Joachim & Wolfgang: „Wir verwenden den KI-Chatbot Gemini. Der gibt genaue Anweisungen zum Öffnen und Reparieren von Geräten. Das funktioniert wesentlich schneller und präziser, als Tipps über die klassische Suchmaschine zu erhalten.
In der Praxis verwenden wir ein System, das aus drei Phasen besteht:
- Phase 1 ist die Fehlerdiagnose: Durch das Fotografieren eines Typenschildes liefert die KI innerhalb von Sekunden technische Kerndaten, identifiziert das exakte Modell und gibt bekannte Schwachstellen und Fehlermuster des Geräts an.
- Bei Phase 2 richten wir uns auf Demontage und Sicherheit. Die KI liefert präzise Schritt-für-Schritt-Anleitungen dafür, wie oft kompliziert verklebte Gehäuse ohne Beschädigung geöffnet werden können. Gleichzeitig weist sie auf Sicherheitsrisiken hin.
- Bei Phase 3 geht es um Analyse und Ersatzteile: Bei der visuellen Analyse (unterstützt durch digitale USB-Mikroskope auf dem Reparaturtisch) hilft die KI bei der Identifikation von defekten Platinen-Komponenten und dem Finden von Lieferanten für seltene Ersatzteile.
Stoßt Ihr auch an Grenzen?
Joachim & Wolfgang: „Absolut. Nicht jedes kostenlose KI-Tool ist überall gleich stark. Eine Herausforderung sind ‚Halluzinationen‘, bei denen die KI plausibel klingende aber inhaltlich falsche Antworten liefert. Menschliches Mitdenken und technische Expertise bleiben darum unverzichtbar. Ferner ziehen wir bei unserem Repair Café in Erwägung, auf professionelle, höherwertige kostenpflichtige Versionen umzusteigen.“
Warum gibst du Workshops für andere Repair Cafés, Wolfgang?
„Weil die Begeisterung in meinem eigenen Repair Café anfangs verhalten war, wollte ich testen, wie andere Initiativen auf meinen KI-Ansatz reagieren würden. Während meiner Besuche merkte ich schon bald: Das Interesse ist riesig, aber vielen Repair Cafés fehlt ein strukturierter Leitfaden für die Praxis. Das hat mich angespornt, eine Methode zu entwickeln. Heute gebe ich dieses Wissen auf meinen Reisen mit dem Wohnmobil weiter. Vor Ort zeige ich, dass wir am Reparaturtisch dank gezielter ‚Prompts‘ – wiederverwendbarer Eingabebefehle – keine ellenlangen Texte mehr eintippen müssen.“

Wie reagieren die Freiwilligen vor Ort?
„So wie auch in der Gesellschaft gab es auch bei uns nicht nur Jubelschreie. Man stößt auf die klassischen, verständlichen Einwände: ‚KI vernichtet Arbeitsplätze‘, ‚der Stromverbrauch ist zu hoch‘ oder ‚KI kann keine Schraube eindrehen‘. Meine Aufgabe ist es nicht, Fachkompetenz zu ersetzen, sondern zu zeigen, dass KI ein Werkzeug im Koffer des Handwerkers ist. Wenn ein erfahrener Reparateur ein Gerät dank KI in 15 statt 50 Minuten geöffnet bekommt, verfliegt die Skepsis schnell.“
Wie geht ihr mit dem Dilemma des hohen Energieverbrauchs von KI um?
Joachim & Wolfgang: „Der Energieverbrauch von Rechenzentren ist zweifellos ein Problem. Meist aber fehlt der Blick aufs Ganze: Künstliche Intelligenz sorgt andererseits für enorme Einsparungen. So sorgt KI für optimale Steuerung von Heizungs-, Lüftungs- und Klimatisierungssystemen in Großanlagen. Für unsere Praxis beim Reparieren gilt zudem: Da wir rein textbasiert arbeiten, halten sich Ressourcenverbrauch und Kosten in Grenzen.“
Kann KI helfen, eine jüngere Generation für das Reparieren zu begeistern?
Joachim & Wolfgang: „Absolut! Wir haben das selbst bei Projekttagen an einer Grundschule erlebt. Die Kinder waren fasziniert davon, den Computer nicht nur zum ‚Zocken‘, sondern als echtes Detektivwerkzeug zu nutzen. In Kombination mit KI und USB-Mikroskopen haben sie selbständig Fehler an ihren mitgebrachten Spielzeugen aufgespürt und behoben. KI schlägt eine Brücke zwischen der digitalen Lebenswelt der Jugend und praktischer Handwerkskunst.“

Habt ihr Tipps für Repair Cafés, die KI einsetzen wollen?
Joachim: „Das Schöne ist, dass niemand eine Programmierausbildung braucht, jede und jeder kann sofort damit arbeiten – Ersatzteilsuche, Demontage-Tipps und Schaltpläne. KI kann als unermüdlicher Coach auch ältere oder technisch weniger erfahrene Reparateure unterstützen, z.B. bei PC-Problemen, bei der Einrichtung einer Datenbank oder beim Umstieg von Windows auf Linux.“
Wolfgang: „Wir sehen die KI als Schlüssel zur Demokratisierung von Reparaturwissen. Jahrzehntelang schon halten Hersteller Know-how und Servicehandbücher unter Verschluss, um Verbraucher von Neukäufen abhängig zu machen. Die KI bricht dieses Monopol: Sie scannt, übersetzt und strukturiert weltweit verstreutes Wissen in wenigen Sekunden. Unser Rat: Legt die Berührungsängste ab und probiert es einfach aus!“
Mehr Information
- Du kannst dir die Website des Repair Café Ochtrup ansehen.
- Hast du anlässlich dieses Artikels praktische Fragen? Wolfgang Götze (Entwickler von KI-Konzepten bei Repair Café Ochtrup) ist über [email protected] erreichbar.

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